Mehrere Zapfpistolen unterschiedlicher Kraftstoffsorten in einer Zapfsäule.

Was ist HVO 100? Alles zum Diesel aus erneuerbaren Ressourcen

HVO 100: So gelingt der Umstieg in der Logistik

In bestimmten Logistikszenarien ist der Dieselantrieb nach wie vor das Energiesystem der Wahl. Allerdings müssen Betreiber solcher klassischer Verbrennerflotten nicht zwangsläufig zu fossilem Diesel greifen. Mit HVO 100 steht ihnen inzwischen eine attraktive Alternative zur Verfügung. Der für die meisten dieselbetriebenen Linde-Stapler freigegebene Kraftstoff bietet in der Praxis eine ganze Reihe von Vorteilen – allen voran die deutlich bessere CO2-Bilanz sowie eine reduzierte Luftschadstoffbelastung vor Ort.

Die Bezeichnung HVO 100 steht für Hydrotreated Vegetable Oil – einen modernen Dieselkraftstoff, der vor allem aus Abfall- und Reststoffen wie Altspeisefetten oder tierischen Fetten hergestellt wird. Der Zusatz „100“ bedeutet, dass HVO in Reinform zum Einsatz kommt, also keine fossile Beimischung erfolgt. HVO 100 Diesel weist eine höhere Cetanzahl auf als herkömmlicher Diesel, was eine effizientere, sauberere und ruhigere Verbrennung im Staplermotor ermöglicht. HVO 100 ist nach EN 15940 zertifiziert und fällt in die Kategorie „paraffinischer Dieselkraftstoff“.

Technisch gesehen handelt es sich bei HVO 100 um einen synthetischen Biokraftstoff der zweiten Generation („Renewable Diesel“); da ihm seine hydrierte Struktur ein Plus an Stabilität verleiht, lässt er sich zudem besonders gut lagern.

HVO 100 vs. Biodiesel

Obwohl beide Kraftstoffe aus erneuerbaren Rohstoffen gewonnen werden, unterscheidet sich HVO 100 grundlegend von Biodiesel. Durch die Hydrierung, also die Behandlung mit Wasserstoff, werden die Pflanzenöle und Fette im Falle von HVO 100 so aufbereitet, dass das Endprodukt einem hochwertigen, fossilen Diesel chemisch sehr ähnlich ist. Biodiesel (FAME – Fettsäuremethylester) wird hingegen durch Veresterung hergestellt und enthält Sauerstoffanteile.

Die CO₂-Bilanz von HVO 100 Diesel

Das stärkste Argument für den Umstieg auf HVO 100 liegt in der deutlichen Reduktion von Treibhausgasen. Natürlich entsteht auch bei der Verbrennung von HVO 100 CO₂ – und zwar mit rund 2,6 kg CO₂ pro Liter in etwa so viel wie bei fossilem Diesel. Da dieses CO₂ zuvor durch Biomasse gebunden wurde, fällt die CO₂-Bilanz je nach Rohstoff und Herstellungsprozess allerdings um 80 bis 90 % besser aus als bei fossilem Diesel.

Zusätzlich profitieren Logistikflotten von einer deutlich geringeren Schadstoffbelastung vor Ort. So emittieren mit HVO 100 betriebene Staplermotoren zum Beispiel nicht nur weniger Feinstaub und Stickoxid (NOx); auch der Ausstoß von Kohlenwasserstoff (HC) und Kohlenmonoxid (CO) wird reduziert – was sich entsprechend positiv auf das Arbeitsumfeld der Beschäftigten auswirkt.

Die wichtigsten Aspekte zur Umstellung auf HVO 100

Für Flotten mit dieselbetriebenen Staplern kann HVO 100 also eine sofort umsetzbare Möglichkeit zur Emissionsreduktion sein, ohne dass dafür in eine neue Tank-Infrastruktur investiert werden muss oder sonstige prozessuale Anpassungen erforderlich sind.

Freigabe

Die Nutzung von HVO 100 erfordert zwingend eine offizielle Freigabe durch den Fahrzeughersteller. Für die meisten Linde-Dieselstaplermodelle (sowohl der aktuellsten Generation als auch zahlreiche Vorgänger-Baureihen) liegt diese bereits vor.

Leistung

Aufgrund der geringeren Dichte von HVO 100 Kraftstoff – rund 780 kg/m³ gegenüber 820 bis 845 kg/m³ bei fossilem Diesel – enthält ein Liter HVO 100 etwas weniger Energie. Die Motorleistung bleibt dabei jedoch so gut wie unverändert, wobei ein geringfügiger Mehrverbrauch von 1 bis 3 % möglich ist. Durch die sauberere Verbrennung im Vergleich zu fossilem Diesel kann sich der Kraftstoff allerdings positiv auf die Lebensdauer des Motors auswirken und die Belastung von Komponenten wie dem Partikelfilter verringern.

Kältebeständigkeit und Langzeitlagerung

HVO 100 erreicht je nach Herstellungsart einen CFPP-Wert (Cold Filter Plugging Point) von bis zu -30 °C oder tiefer und übertrifft damit zum Beispiel die Wintereigenschaften von FAME-Biodiesel deutlich. Hinzu kommen Vorteile in puncto Langzeitlagerung:

keine Alterung durch Oxidation
deutlich weniger Wasserbindung
keine Verharzung oder Entstehung von Mikroorganismen
wie bei Biodiesel (FAME)

Damit ist HVO 100 eine zuverlässige Option für Betriebe mit großen Tankanlagen und längeren Lagerintervallen.

Wirtschaftlichkeit und Kosten

Der größte Nachteil von HVO 100 liegt aktuell noch bei den Beschaffungskosten. Aufgrund der aufwendigen Produktion aus erneuerbaren Rohstoffen bewegt sich der Preis pro Liter geringfügig über dem von fossilem Diesel – wobei Marktlage sowie die Abnahmemenge die Preisdifferenz beeinflussen können.

Neben den direkten Kraftstoffkosten spielen aber noch weitere Faktoren für die wirtschaftliche Bewertung von klimafreundlichen Dieselalternativen eine Rolle:

Sicherung von Großaufträgen:
Immer mehr große Auftraggeber verlangen von ihren Lieferanten nachweisbar emissionsarme Prozesse. Der Einsatz von HVO 100 in der Logistik kann somit einen entscheidenden Wettbewerbsfaktor darstellen – zum Beispiel in Ausschreibungen.

Kostenentlastung durch Regulierung:
Die kontinuierlich steigende CO₂-Bepreisung fossiler Kraftstoffe (z. B. im Rahmen des Brennstoffemissionshandels) verteuert konventionellen Diesel zunehmend. Gleichzeitig können THG-Mechanismen und mögliche Förderungen erneuerbare Kraftstoffe schrittweise wirtschaftlich attraktiver machen.

Über diese regulatorischen Effekte hinaus eröffnen auch marktseitige Trends zunehmend positive Perspektiven: Große Hersteller wie Neste, TotalEnergies oder Preem bauen ihre Produktionskapazitäten für paraffinischen Dieselkraftstoff stark aus, was mittelfristig eine Stabilisierung oder Senkung der HVO-Preise erwarten lässt. Zusätzlich fördern EU-Vorgaben wie RED III, ReFuelEU Aviation und FuelEU Maritime den Einsatz erneuerbarer Kraftstoffe in Verkehr, Logistik und Industrie.

Nachhaltigkeit und CSRD

Da der Einsatz von HVO 100 Unternehmen eine bilanzielle CO₂-Reduktion von bis zu 90 % ermöglicht, unterstützt er sie damit direkt bei der Erreichung ihrer Klimaziele sowie der Verbesserung des Corporate Carbon Footprints. Gleichzeitig erleichtert der Einsatz von HVO die Erfüllung der CSRD-Berichtspflichten der EU für Unternehmensnachhaltigkeit, weil die eingesetzten Kraftstoffe als nachweisbare Nachhaltigkeitsmaßnahme in der Lieferkette gelten.

Da HVO überwiegend aus Abfall- und Reststoffen hergestellt wird, stärkt der Kraftstoff außerdem die Argumentation einer ressourcenschonenden und kreislauforientierten Unternehmensstrategie. Experten sehen HVO 100 daher als entscheidenden und sofort verfügbaren Baustein, um die Dekarbonisierung in schwer elektrifizierbaren Logistikszenarien voranzutreiben.

Rechtliche Rahmenbedingungen, Einschränkungen und Risiken

HVO 100 unterliegt in Deutschland weitgehend denselben gesetzlichen Vorgaben wie fossiler Diesel. Dazu zählt insbesondere der identische Energiesteuersatz, der sich auf den Kraftstoffpreis auswirkt.

Verfügbarkeit und Herstellerfreigaben

Wie bei allen alternativen Kraftstoffen gibt es auch hier Rahmenbedingungen, die vor dem Einsatz beachtet werden sollten. Die regionale Verfügbarkeit von HVO 100 ist noch nicht flächendeckend gewährleistet und variiert je nach Anbieter und Lieferkette.

Rohstoffbasis

Auch die Rohstoffbasis ist ein vieldiskutierter Punkt: Abfall- und Reststoffe stehen global nur begrenzt zur Verfügung, sodass steigende Nachfrage in Teilen zu einem Mehrbedarf an Pflanzenölen führen kann – was möglicherweise Verdrängungseffekte auf dem Agrarmarkt bzw. Unsicherheiten in der Lieferkette zur Folge hätte.

Kompatibilität mit älteren Motoren

Obwohl, wie bereits erwähnt, die meisten Linde-Dieselstapler für die Verwendung von HVO 100 freigegeben wurden, empfiehlt sich bei sehr alten Motoren zunächst eine Rücksprache – etwa, ob eine Prüfung älterer Dichtungsmaterialien oder Leitungen erforderlich sein könnte.

Auf einen Blick: Vorteile von HVO 100 in der Logistik

Bessere Arbeitsbedingungen in Lagerumgebungen

Schonender für Fahrzeuge und Prozesse

Einfache Integration in bestehende Flotten

FAQ

Was ist HVO 100 Diesel?

HVO 100 steht für Hydrotreated Vegetable Oil (hydrierte Pflanzenöle) und ist ein synthetischer Biokraftstoff (Renewable Diesel) der zweiten Generation. Die Zahl 100 signalisiert, dass er in Reinform (100 %), ohne fossilen Anteil, verwendet wird. HVO 100 erfüllt die europäische Norm DIN EN 15940 für paraffinische Dieselkraftstoffe.

Wie wird HVO 100 hergestellt?

Die Herstellung von HVO 100 erfolgt durch die Hydrierung erneuerbarer Rohstoffe wie Altspeiseöle, tierische Fette oder industrielle Reststoffe. In diesem Prozess werden die Öle mit Wasserstoff behandelt, wodurch man ihre chemische Struktur der von fossilem Diesel stark angleicht. Das Ergebnis ist ein synthetischer, besonders reiner und stabiler Kohlenwasserstoff.

Was kostet HVO Diesel?

Die Kosten pro Liter HVO 100 liegen im Schnitt etwa 7 bis 15 Cent pro Liter über dem Preis1 für fossilen Diesel. Die Preisdifferenz ist unter anderem auf die höheren Produktionskosten zurückzuführen.

Wie ist die CO2-Bilanz von HVO Diesel?

HVO 100 kann die CO₂-Emissionen im Vergleich zu fossilem Diesel um bis zu 90 % reduzieren. Dies liegt daran, dass bei der Herstellung von HVO 100 CO₂ aus der Atmosphäre gebunden wird, das zuvor von den Pflanzen aufgenommen wurde. Die genaue Einsparung hängt jedoch von den verwendeten Rohstoffen und dem Herstellungsprozess ab.

Ist HVO 100 Biodiesel?

Nein, HVO 100 ist kein Biodiesel. Während Biodiesel (FAME) durch Veresterung von Pflanzenölen entsteht, wird HVO 100 durch Hydrierung hergestellt und ist chemisch ein vollwertiger Dieselkraftstoff.

Dadurch ist HVO 100 stabiler, sauberer in der Verbrennung und besser lagerfähig als klassischer Biodiesel. Technisch gesehen entspricht HVO 100 der DIN EN 15940 für paraffinische Dieselkraftstoffe, wobei HVO 100 auch als XTL-Kraftstoff bezeichnet werden kann, der bis zu 7 % FAME enthalten darf.

Quellen

1) Die angegebene Mehrbelastung von 7–15 Cent pro Liter bezieht sich auf typische Marktkonditionen und kann je nach Lieferkette und Abnahmemenge variieren. Für aktuelle Preise empfehlen wir Rücksprache mit lokalen Treibstoffanbietern.

Veröffentlicht am 21.07.2026

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