Wie die Versorgung von Forschungsstationen am Südpol funktioniert

55 Grad unter Null, null Fehlertoleranz

Wie sichert man menschliches Leben dort, wo unter normalen Umständen keines möglich wäre? Antwort: durch extrem effiziente, eiskalt ausgeklügelte Logistik. Nirgends auf der Welt zeigt sich das deutlicher als in der Antarktis, wo derzeit 74 Forschungsstationen regelmäßig versorgt werden müssen – trotz eisiger Stürme mit Windgeschwindigkeiten jenseits der 150 km/h, Rekordtemperaturen von nahezu minus 100 Grad und vieler anderer Unwägbarkeiten.

Mag die Antarktis auch ungefähr so groß sein wie Europa und Australien zusammen: Der eisige Südkontinent, wo im Jahresdurchschnitt Temperaturen von minus 55 Grad Celsius herrschen, ist dennoch denkbar dünn besiedelt. Nur etwa 950 Menschen leben hier ganzjährig, während sich im antarktischen Sommer immerhin bis zu 10.000 Forscherinnen und Forscher auf den 74 Stationen der Wissenschaft widmen.

Die Versorgung all dieser Basen ist eine Meisterleistung internationaler Kooperation, organisiert durch den Council of Managers of National Antarctic Programs (COMNAP).

Schiffe und Flugzeuge können nur in den „wärmeren“ Monaten von Oktober bis März Ausrüstung und Treibstoff liefern beziehungsweise Menschen transportieren. Danach liegt der Nachschub sprichwörtlich „auf Eis“: Die Küsten frieren zu – und Landebahnen sind in der Regel unbenutzbar.

© Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann (CC-BY 4.0)
© Alfred-Wegener-Institut / Thomas Steuer
© Alfred-Wegener-Institut / Thomas Steuer

Eine Supply Chain der etwas anderen Art

Mit 85 Gebäuden ist die US-amerikanische Station McMurdo die größte Forschungseinrichtung und gewissermaßen das Drehkreuz der Region. Tausende Tonnen Fracht erreichen jedes Jahr den Stützpunkt im südlichen Sektor der Antarktis. Von hier startet die sogenannte South Pole Traverse, eine rund 1.600 Kilometer lange, unbefestigte Landroute, die über das Inlandeis bis zur unweit des geografischen Südpols gelegenen Amundsen-Scott-Station verläuft. Die Versorgungsfahrten per Kettenfahrzeug auf diesem Eis-Highway dauern je nach Bedingungen zehn bis 40 Tage.
Auch Deutschland liefert ans Ende der Welt: Mehrere Wochen benötigt das Forschungsschiff Polarstern zur 2009 eröffneten Neumayer-Station III auf dem nördlich gelegenen Ekström-Schelfeis. Und dabei muss natürlich alles an Bord sein: 24 Container mit Lebensmitteln, Ersatzteilen, medizinischem Material plus Nachschub an kälteresistentem Polardiesel (für Heizung, Strom und Fahrzeuge), von dem die Station rund 315.000 Liter pro Jahr benötigt. Kurzfristige Nachlieferungen sind unmöglich – und eine extrem detaillierte Planung daher unumgänglich.

Forschungsschiff Polarstern fährt durch dichtes Meereis, bricht Eisschollen auf und hinterlässt eine Fahrrinne im Eis.

© Alfred-Wegener-Institut / Mario Hoppmann (CC-BY 4.0) 

© Alfred-Wegener-Institut / Stefan Christmann CC-BY 4.0

Von Fuhrpark bis Müllentsorgung: fast (!) wie im normalen Leben …

Technisch betrachtet ist Neumayer III ein wahres Wunderwerk: 16 hydraulische Stützen stellen sicher, dass die Station Jahr für Jahr mit der Schneedecke „mitwachsen“ kann und stets sechs Meter darüber liegt. Für die Energieversorgung gibt es ein Blockheizkraftwerk – das mittlerweile auch von speziellen Windkraftanlagen unterstützt wird. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal findet sich indes unter der Eisoberfläche: die vermutlich einzige Tiefgarage der Antarktis für den Transport-Fuhrpark. Hier warten etwa 20 Pistenbullys, 14 Motorschlitten, ein 20-Tonnen-Raupendrehkran sowie ein Steiger mit Raupenfahrwerk auf ihre (Logistik-)Einsätze.

Neben der Versorgung ist auf dem streng geschützten Südkontinent auch das Entsorgen stets Teil der Mission: So wird zum Beispiel jeglicher anfallende Müll dokumentiert, gepresst, geschreddert, in Container gepackt und beim nächsten Schiffsanlauf verladen. Unterm Strich kann man die logistischen Prozesse in der Antarktis also als ultimatives Effizienz-Lehrstück betrachten: keine Reserve zu viel, kein Transport zu wenig, kein Fehler verzeihlich.

Die beleuchtete Neumayer-Station III in der antarktischen Polarnacht.

© Alfred-Wegener-Institut / Stefan Christmann CC-BY 4.0

Veröffentlicht am 12.01.2026